Karl Menzen

Stahlbildhauer

 

 

Einführung

 

Karl Menzen ist ein in Stahl arbeitender Künstler, bei dem das Material seine natürliche Schwere und Härte verliert. Der rationale Ursprung der Skulptur und das Konstruktivistische des künstlerischen Verfahrens nehmen nicht selten ausgesprochen spielerische Züge an. Es handelt sich um einen skulpturalen Konstruktivismus, der in der Regel ohne die Schärfe des rechten Winkels und die Strenge geometrisch exakter Formen auskommt. Kein Detail und erst recht kein schmückendes oder verzierendes Element lenkt bei Menzen vom Wesentlichen ab. Alles ist einfache und klare Form. Reduktion heißt eines der obersten Gesetze. Das Auge wird gefesselt durch die nach innen verlegte, das Volumen selbst erfassende, dynamisierende Spannung. So wächst Versus (1993) vor einer Hausfassade auf dem Kurfürstendamm sockellos aus dem Boden und dreht sich im Wechsel von Bewegung und Gegenbewegung spiralförmig bis in eine Höhe von vier Metern, wo die Plastik keineswegs endet. Es gehört zu ihrer Eigendynamik, daß sie sich in der Vorstellung des Betrachters als unendliches Kontinuum fortsetzt.

Bewegung, innere wie äußere, ist ein Hauptmerkmal von Menzens Kunst, die ihre Wurzeln nicht nur im Konstruktivismus, sondern auch im Futurismus hat. Nichts ruht oder lagert, alles entsteht, setzt an, hebt ab. Viele Werke Menzens, nicht allein Tanz-Solo (1993), haben etwas geradezu Tänzerisches. Von einer schmalen Auflage, der Spitze oder Kante eines Stahlstücks, drehen, winden oder schrauben sie sich, meist eine Diagonale bildend, in die Höhe. Der Atelierhof, der sie als Gruppe versammelt, wird zum Ballettsaal. Jede Plastik vollzieht ihre eigenen Drehungen, Wendungen, Biegungen und Streckungen. Und noch etwas ist charakteristisch: Bewegung offenbart sich bei Menzen als gesammelte Kraft, die voller Energie und Spannung ist und in der alles nach Entladung drängt: In Stauchung-Harmonisch (1988) führt eine gewaltsame Einwirkung zu einer Einbuchtung auf der einen Seite und einer Ausbuchtung auf der anderen, in Prismatische Verschiebung II (1994/97) wird mittels Spaltung und Verschiebung der blockhaft geschlossene Körper aufgebrochen, und es entsteht eine keilförmige, sich auf der einen Seite nach unten und auf der anderen nach oben verjüngende Öffnung, die den Eindruck von Verletzung und Zerstörung vermittelt.

Schließlich: Selbst in der abstraktesten Form und in der Härte und Kälte des Edelstahls gelingt es Menzen immer wieder, überraschende Bezüge zur menschlichen Gestalt zu erschließen. Das zeigt etwa die in einer Berliner Grünanlage aufgestellte Doppelherme (1988), bei der über dem geschlossenen Sockel ein schmaler Spalt erscheint und langsam breiter und breiter wird, bis die beiden Teile des Ganzen, sich wie eine Knospe oder wie zwei Arme über dem Kopf eines Menschen öffnend, vollständig auseinandertreten.

Menzens Werke drängen von ihrem Wesen her in den städtischen Raum. Sie begegnen im Hof, auf der Straße, im Park oder über den Dächern wie ... von allen Seiten schön ... (1998/99), eine in sich bewegte und sich ein Mal im Jahr um die eigene Achse drehende Plastik. Es ist urbane Skulptur.

Bodo Zelinsky